Von einem Rennen hatte ich gehört, das eigentlich kein Rennen ist. 400 Kilometer lang ist die Strecke, endlich mal eine vernünftige Distanz für mich. Und gutes Essen soll es an den fünf Checkpoints geben. Klingt super, fand ich. Also setzte ich mich Freitagabend in den Zug nach Leipzig, auch so einen Ort, in den es mich zuvor noch nie zuvor verschlagen hatte.

Dort angekommen stelle ich fest, dass die Stadt so aussieht, wie ich sie mir vorgestellt habe. Ostdeutsche Bauweise, schlechte Straßen und Straßenbahnschienen. Und schwups, liege ich auch schon. Das geht ja gut los. Zuvor hatte ich mich auf Schienen noch nie abgepackt. Hier jedoch sind sie viel wirrer angeordnet, erhöhter Schwierigkeitsgrad. Zu hoher Schwierigkeitsgrad. Das Rad hat keinen Kratzer abgekommen. Ich auch nicht, naja fast. Glück gehabt.

Startpunkt ist der Sportplatz von Roter Stern Leipzig. Neben dem Fußballfeld zwischen ein paar Bäumen dürfen wir campen. Ich melde mich an und stelle mein Zelt neben ein paar andere. Endlich wieder im Zelt schlafen. Schottlandfeeling (Ja, über Schottland muss ich auch noch schreiben). Musik dröhnt leise vom Vereinsheim her. Dort spielt irgendeine Band. Egal. Ich schlafe.

Immer mehr Menschen kommen an. Etwa 100 sollen es werden. Davon 19 Frauen erzählt mir Coco, der die Veranstaltung organisiert. Bekannte Gesichter: keine. Naja eigentlich eines, aber ich erkenne ihn nicht. Erstaunlicherweise. Gehirnblackout oder so. Hab ich sonst noch wen „übersehen“?

Um 12 Uhr rollen wir los. 24 Stunden werden wir nun Zeit haben, um alle Checkpoints anzufahren und wieder zum Ausgangsort zurückzukehren.

DSC_1722
Auf geht es!

Rückenwind, große Gruppe, 35 km/h. Irgendwann jedoch verliere ich sie. Die scheinen vergessen zu haben, dass am ersten Checkpoint noch nicht Schluss ist. Ich fahre mit Johannes weiter, der auf die Gruppe auch keine Lust mehr hat. Dann vertrauen wir zwei anderen und landen auf lustigen Singletrails. Mit Rennrad. Hat Spaß gemacht. Wir treffen nach der abenteuerlichen Abfahrt auf eine andere etwas größere Gruppe. Die sind mir aber zu langsam. Also alleine weiter.

DSC_1726
Singletrailspaß mit Rennrädern. Das war bestimmt keine schnelle Route.

Am ersten Checkpoint werde ich auf Platz 69 eingetragen. Ups, so weit hinten? Haben die alle wie bekloppt geballert? Anscheinend, denn langsam war ich nicht unterwegs. Das Essen ist gut, beste vegane Verpflegung. Nur fehlt in der Suppe Salz, oder ist das der Salzmangel aufgrund der schön warmen Temperaturen?

Nach dem Essen schließe ich mich einer weiteren Gruppe an. Die hängt mich aber gleich am Anfang an einer Ampel ab. Und deren Route wirkt komisch. Zurück auf meine und weiter geht es alleine. Gefühlt ewig. Ich drehe mich immer wieder um, doch niemand ist zu sehen. Komisch. Irgendwann taucht vor mir ein Radfahrer auf. Ich trete etwas kräftiger in die Pedale und wen sehe ich? Den Johannes. Zu zweit geht es nun weiter.

Der zweite Checkpoint liegt auf dem Kulpenberg, der sich im Kyffhäuser Gebirge befindet. Beim Anstieg überhole ich und werde ich überholt. Die Aussicht, bald wieder an einem Verpflegungsstand anzukommen, lässt ihn mich schneller hochpedalieren. Am Gipfel neben dem Fernsehturm stehen bereits viele Teilnehmer. Ich esse viel. Da irgendwie keiner los will und Johannes schon vorm Checkpoint verschwunden war, mache ich mich alleine an die Abfahrt. Hui, das macht Spaß. Serpentinen, echtes Gebirgsfeeling.

Irgendwann treffe ich jemanden und wir fahren zu zweit. Dann holen wir jemanden ein und wer ist es? Schon wieder der Johannes. Freudiger Willkommensruf meinerseits. Er hängt sich mit rein. Die riesige ca. 20er Gruppe vom Checkpoint zuvor holt uns ein. Mit Tempo geht es zusammen bis zum dritten Checkpoint. Meine beiden vorigen Mitfahrer gehen verloren. Ups.

Nach dem dritten Checkpoint geht es bergauf. Rein in den Harz nach Schierke. Es ist bereits dunkel. Der Brocken ist optional. Ich würde ihn gerne fahren, habe aber beim Atmen Schmerzen im Brustbereich. Keine gute Voraussetzung, also lass ich ihn lieber weg. Ich fahre mit ein paar Leuten, denen ich eigentlich zu langsam bin. Auch weil ich versuche, möglichst wenig zu atmen. Macht sich nicht gut beim Bergauffahren. An der Abzweigung zum Brocken treffe ich sie wieder. Ich lege mich mit dem Rücken auf die noch warmen Pflastersteine, alle viere von mir gestreckt. Vielleicht hilft es gegen die Schmerzen. Mit der nun am Gipfel eintreffenden 20er Gruppe machen wir uns an die Abfahrt bis wir den vierten Checkpoint, ein Kloster, erreichen. Es ist null Uhr. 258 Kilomer habe ich bereits zurückgelegt. Die allgemeine Stimmung ist eher träge, niemand scheint ernsthaft loszufahren wollen. Echt jetzt? Der Spaß geht doch nun erst richtig los. Nachtfahrt. Sehen, wer durchhält. Bei wem die Wehwehchen anfangen oder schlimm werden.

Nach einem Abendessen mit Pasta verabschiede ich mich. Mein Plan: den hundert Kilometer entfernten Checkpoint vor der großen Gruppe zu erreichen. Wieso? Weil der Racemode plötzlich aktiviert ist. Und ich keine Lust auf eine Gruppe mit ungeübten Langstrecklern habe. Ob ich das schaffen kann? Egal, ausprobieren! Zum Glück ist kaum Wind.

Ich fahre. Und fühle mich verfolgt. Alle paar hundert Meter drehe ich mich um. Sind deren Lichter schon zu sehen? Haben sie mich gleich eingeholt? Gefühlt ist mir keine Gruppe mit netten Radsportlern im Nacken, sondern eine Horde Mörder. Das hält mich wach. Ich gähne kein einziges mal. Plötzlich ein Licht. Aber nur ein einzelnes. Ein superschneller Radfahrer holt mich ein und ist auch schon wieder verschwunden. Es ist nicht die Gruppe… und auch kein Mörder, also alles gut. Ich treffe ihn erneut am Straßenrand stehend und frage ihn, wie weit die Gruppe weg ist. Nicht weit, höre ich ihn sagen. Warten und gemütlich mit der Gruppe fahren? Nix da, ich lass mich doch nicht so einfach einholen. Nach ein paar kurzen Flüchen nehme ich wieder Fahrt auf. Und trete noch etwas kräftiger in die Pedale. Ist ja auch nicht mehr weit. 100 Kilometer nur noch. Und etwa 40 Kilometer zum letzen Checkpoint.

Ich schaffe es tatsächlich. Erschöpft und glücklich erreiche ich den fünften Checkpoint in Halle. Ein paar Sekunden nachdem ich ankomme, fährt eine Frau ab. Der Racemode fährt in meinem Kopf erneut hoch. Ich frage die Helfer, wie viele Frauen vor mir da gewesen sind. Sie sind sich nicht sicher, ob es zwei oder drei waren. Hinterjagen oder nicht? Ich zögere kurz, falle schnell über Ananas, Wassermelone und ein Stück Kuchen her und gehe zurück zum Rad. Meine Verfolgergruppe kommt an. Die waren mir also echt dicht auf den Fersen.

40 Kilometer zum Ziel. 40 Kilometer Racemode. Doof nur, dass schon 370 Kilometer hinter mir liegen. Egal, ich sehe nur die 40 Kilometer. Und die Radlerin vor mir, die ich noch nicht sehe. In Halle verfahre ich mich sogleich. Ich fluche. So wird das nichts. Der schnelle Radfahrer von vorhin holt mich ein. Ich versuche mich ranzuhängen und heize viel zu schnell durch den Ort. Am ersten Anstieg jedoch muss ich abreißen lassen. Verdammt. Mit ihm hätte ich gute Chancen gehabt, sie einzuholen. Ich muss an meinen Bergfähigkeiten arbeiten.

Immer wieder habe ich das Gefühl, vor mir in der Ferne jemanden zu sehen. Halluzinationen? Ich bin mir unsicher. Mal ein, mal zwei Radfahrer. Zwei Radfahrer? Verdammt, sie hat womöglich seinen Windschatten. Dann habe ich kaum eine Chance. Vielleicht aber ist meine Strecke besser. Oder schlechter, dann ist es sowieso egal.

Nach etwas über 18 Stunden erreiche ich endlich das Ortsschild Leipzig. Ab durch die Stadt zum Sportplatz. Ich bin der zwanzigste Ankömmling und werde direkt hinter einer Lena eingetragen. Zwei Minuten weniger hat sie gebraucht. Zusammen mit einem Anselm. Die erste Frau war eine Stunde vor mir da, wow! Ich freue mich über das starke Frauenfeld und vergesse, mich über den knapp verpassten zweiten Frauenplatz zu ärgern. Warum auch? Ich habe zum Ende hin alles gegeben und sogar einen Großteil der Strecke alleine zurückgelegt. Zufriedenheit pur.

Mein Magen will nun nichts mehr essen. Brauch er auch nicht. Weitere Bewegung ist vorerst nicht geplant. Ich lege mich auf den Rasen und versuche ein wenig zu schlafen. Alles lief gut bis auf die Atemprobleme, die aber in der Nacht nahezu verschwunden waren. Die kleinen Battles haben mich enorm motiviert. Ob das bei den „24 Stunden von Nortorf“ am 6.7. genau so gut klappen wird?

415 Kilometer. 18,5 Stunden. 25,5 km/h. Fast 3000 Höhenmeter. Tolle Veranstaltung. Tolle Checkpoints. Lustige „Siegerehrung“. Meine Trackaufzeichnung: hier