Weihnachten + Neujahr + Restjahresurlaub = 2,5 freie Wochen. Da bietet sich doch eine schöne Bikepackingtour an, dachte ich mir bereits im Oktober. Irgendwohin, wo es wärmer ist, wo man gut und preisgünstig hinkommt. Ein Freund von mir, der René, schlägt die Adriaküste vor. Er würde sogar mitkommen. Ich überlege. Adriaküste klingt nett. Aber irgendwie fehlt die Euphorie. Ich vertage die Entscheidung.

Währenddessen baue ich mir ein neues Rad selbst auf. Einen Gravelbike von Niner. Ein echtes Traumrad soll es werden. Mit Nabendynamo und dem ganzen Bikepacking-Gedöns. Anfang Dezember ist es dann endlich fertig. So eine Schrauberei kann sich ganz schön hinziehen, wenn irgendwelche Teile fehlen. Oder die Falschen da sind.

Im November fällt meine Entscheidung: Ich will nach England und Wales. Warum? Keine Ahnung. Auf Bildern, die zwar im Sommer aufgenommen sind, sieht die Landschaft toll aus. Wird ja im Winter auch hübsch sein. Nur etwas kälter und regnerischer. Aber dafür ist diese Insel ja sowieso bekannt. Dann kann man auch gleich im Winter fahren. Was die Adriaküste nicht geschafft hat, gelingt nun dieser eher unüblichen Winter-Rad-Location: Begeisterung und Vorfreude baut sich auf. Mit Komoot plane ich eine Route von Newcastle nach Wales und weiter bis nach Dover.

Am 16.12. ging es dann los. Mit dem Zug nach Amsterdam, dann auf die Fähre nach Newcastle. Normalerweise muss man derart bekloppte Touren alleine unternehmen. Ich jedoch habe Glück. René begleitet mich. Solche Freunde braucht man.

Am nächsten Morgen erreichen wir Newcastle.

Tag 1 – los geht’s (17.12.2018)

Wir haben erstaunlich gutes Wetter, doch es ist kalt, mit teilweise vereistem Boden. Die Landschaft wird immer schöner, je weiter wir fahren. Abends wählen wir die Jugendherberge statt des Bothys, welches auf 700 Meter Höhe gelegen hätte. Das anzufahren war uns wetterlich etwas zu heikel. Gelungener erster Tag!

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Tag 2 – typisch britisches Wetter

Ein English Breakfast ist das perfekte Frühstück für Bikepacker. Gestärkt ging es los in den Schüttregen, um sogleich den Hartside Pass zu bezwingen. Auf 580 Meter hoch, wenig Windschutz. Wir hatten Sturm. Also Lenker festklammern und hoffen, dass wir nicht auf der gegenüberliegenden Straßenseite auf dem Grünstreifen landen. Ist mir nur einmal passiert. Nach der Abfahrt wärmen wir uns in einer Bäckerei auf und gönnen uns eine große heiße Schokolade mit Marshmallows.  Die Nacht verbringen wir in einem Hotel. Die Heizungen laufen auf Hochtouren, um unsere Sachen zu trocknen. Das duftet super im Zimmer. Trotz des Wetters viel Spaß gehabt!

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Tag 3 – mega traumhaft schön

Erneut starten wir mit einem guten English Breakfast in den Tag. Heute fahren wir durch die Yorkshire Dales. Und dieser Nationalpark übertrifft all meine Erwartungen. Traumhaft schöne kleine Straßen, nahezu kein Autos, wundervolle Landschaft, steile Anstiege. Eindeutig die schönste Route, die ich jemals zuvor gefahren bin. Das Wetter spielt auch mit. Erst kurz bevor wir unseren Warmshowers-Gastgeber erreichen, fängt es an zu regnen. Clive und Sarah waren so lieb, uns spontan aufzunehmen. Wir genießen die warme Dusche, ein leckeres Essen und nette Gespräche.

Strava-Link: Tag 3

Tag 4 – abkürzen

Weiter geht es Richtung Liverpool. Schauerwetter. Wir wollen uns das lange nervige Stück durch Liverpool sparen und nehmen für etwa 100km den Zug. Tag gespart und schneller im schönen Wales. Dort angekommen finden wir ein günstiges, nettes Hotel.

Strava-Link: Tag 4 Teil 1

Strava-Link: Tag 4 Teil 2

Tag 5 – endlich eine Nacht im Bothy

Kann Wales die Yorkshire Dales toppen? Wir sind gespannt. Erst einmal geht es recht unspektakulär los. Straßen, Autos, bääääh. Wird aber schließlich richtig schön. Ziel der heutigen Etappe: das Arenig Fawr Bothy. Bothies sind alte, restaurierte, sehr spartanisch ausgestattete Hütten für Outdoor-Begeisterte. Das Arenig Fawr dürfte eines der kleinsten Exemplare sein. Auf Fotos sah es unspektakulär aus. Was wir letztendlich sehen, überrascht uns. Die Landschaft rundherum und der Zufahrts-Pfad sind ein Traum. Wir sind begeistert und breiten unsere Schlafsäcke aus. Abends wird auf dem Bezinkocher gekocht. Lecker Reis mit Linsen, Curry und Thunfisch.

Strava-Link: Tag 5

Tag 6 – immer noch traumhaft schön

Wir schlafen lange. Zu gemütlich ist es in unseren Schlafsäcken. Auf uns wartet die leicht klamme Kleidung vom Vortag. So ganz trocken war es da leider nicht. Auch der zweite Tag durch Wales ist unglaublich schön. Super Wetter, tolle Landschaft. Irre viele, irre steile Anstiege. René will statt zu zelten ins Hotel. Auch gut. Bedeutet English Breakfast am nächsten Morgen.

Strava-Link: Tag 6

Tag 7 – mal nicht alles perfekt

Nebel. Viel Nebel. Regnet das schon oder ist es das nur die feuchte Luft? Zu spät ziehen wir die Regenjacken an. Das war dumm. Wir kämpfen uns über abenteuerliche Wege. Müssen die Räder über Bäume tragen. Ein ganz bisschen Strandurlaub gönnen wir uns dann auch noch. Kurzer Tag, weil mir kalt ist. Das erste Mal, dass ich nicht weiter will. Wir finden ein Hotel. Heizungen voll aufdrehen, warm Duschen und schon ist alles wieder gut.

Strava-Link: Tag 7

Tag 8 – Heiligabend im Bothy

Es ist der 24.12.2018. Heiligabend. Während andere die Weihnachtsfeier vorbereiten, radeln wir durch Wales. Mein erstes Weihnachten nicht bei meinen Eltern. Fühlt sich trotzdem gut an. Heute: Elan Valley. Traumhaft tolle Landschaft, viel Offroad. Eine abenteuerliche Flussüberquerung. Krönender Abschluss: das Lluest Cwmbach Bothy. Um da hinzukommen, müssen wir das Rad erst einmal einen Kilometer durchs Moor schieben. Aber für ein Bothy machen wir das gerne. Genau zu Sonnenuntergang erreichen wir es. Als wir ankommen, stellen wir fest: Wir sind nicht die Einzigen. Vier weitere Briten wollen Heiligabend im Bothy verbringen. Zum Glück ist es groß genug für uns alle. Abends sitzen wir zu sechst am Kaminfeuer. Wir sind uns einig: bester Tag bisher.

Strava-Link: Tag 8

Tag 9 – und weiter

Wir schlafen alle lange. Sogar das Langstreckenwanderer-Paar verschläft. Naja, Weihnachten soll man schließlich auch genießen. Der Tag ist neblig. Und nicht ganz so spektakulär wie die vorigen Tage. Dennoch schön. Abends wird uns, besonders den Füßen, kalt. Wir beschließen nach langer Überlegung, eines der wenigen offenen B&Bs anzufahren.

Strava-Link: Tag 9

Tag 10 – nettes Wiedersehen

Der nächste Morgen beginnt anstrengen. Wir schieben die Räder 1,5 Stunden lang einen Berg hoch. Das hätte ich nicht einmal runter fahren können. Aber die Aussicht ist toll. Wir nehmen es mit Humor. Abends besuchen wir einen anderen Transcontinental-Race-Teilnehmer, den David. Er war so lieb, uns einzuladen. Nun also Pizza essen, viel erzählen und spät schlafen gehen. René muss am nächsten Tag wieder zurück nach Hause. Ich entscheide mich, alleine weiter zu fahren.

Strava-Link: Tag 10

Tag 11 – alleine unterwegs

Verdammt, ist das wellig hier. Ich dachte, dass ich hier im Süden schneller voran komme. Kann ich vergessen. Ein super steiler, kurzer Hügel nach dem Anderen. Dann halt langsam. Mal wieder alleine zu fahren tut gut. Sich nach niemandem richten zu müssen. Ich genieße es. Genauso wie ich die Fahrt mit René genossen habe.  Das ändert sich jedoch.

Abends wird es extrem kalt. Leider hat René das Zelt mitgenommen. Somit bin ich auf einen Unterstand oder ein Hotel angewiesen. Irgendein Dach zu finden ist normalerweise nicht schwer. Sei es Bushaltestelle, Friedhofskapelle, Sportverein, Schule oder Unterstand eines Bauern. Doch hier: weit und breit nichts. Ich fahre weiter und weiter, doch entdecke nichts, was sich auch nur annähernd eignet. Und ich bin wirklich nicht wählerisch. Letztendlich finde ich in einem Dorf ein Hotel, das mich aufnimmt. Ich brauche ziemlich lange, um wieder warm zu werden.

Strava-Link: Tag 11

Tag 12 – an die Südküste

Es geht extrem hügelig weiter. 30 Kilometer fahre ich, bis ich den ersten Unterstand sehe. Da hätte ich gestern Abend keine Lust mehr drauf gehabt. Spätabends erreiche ich Brighton. Keine schöne Stadt. Viel Party. Ich hoffe, in irgendeinem der vielen Hostels ein Bett zu bekommen und irre ewig durch die Stadt. Wird nichts. Keine Unterbringungsmöglichkeit fürs Rad. Also fahre ich weiter. Und überlege, die Nacht durchzufahren.

Strava-Link: Tag 12

Tag 13 – „schnell“ nach Hause

Irgendwann finde ich auf halber Steilküstenhöhe eine Bank. Da ich mich im Nirgendwo befinde, beschließe ich, den Schlafsack auszupacken und kurz zu schlafen. Endlich eine Übernachtung im Transcontinental-Race-Style. Früh am Morgen fahre ich weiter, erkunde die Küste ein wenig und klettere auf Steilküsten. In Eastbourne nehme ich den Zug nach Dover, von dort die Fähre nach Dünkirchen. Da das Zugfahren in Kombi mit Rad in Frankreich nicht ganz so einfach ist, muss ich weiter nach Belgien. Nächste Nachtfahrt. Ich will durchfahren und in Ostende den ersten Zug nach Deutschland nehmen. Doch ich werde zu müde und schlafe 2 Stunden lang besonders unidyllisch.

In Ostende steige ich dann in den Zug und fahre nach Aachen, von dort nach Hamburg. Endlich wieder zuhause. Und Schlaf nachholen.

Strava-Link: Tag 13 Teil 1

Strava-Link: Tag 13 Teil 2

Strava-Link: die letzten Meter

Fazit

Im Dezember eine Radreise in England und Wales zu machen, war schon eine bekloppte Idee. Eine meiner besten bekloppten Ideen…
Insgesamt ist es eine richtig tolle Tour gewesen. Würde ich wieder so machen 🙂 Und das selbst aufgebaute Rad hat sich auch bewährt. Problematisch waren nur die Füße. Wir waren beide mit Winter-Radschuhen unterwegs. Bei Nässe wurde es in denen trotzdem zu kalt.

Pläne für die nächste Reise auf diese Insel stehen schon!