Lange hatte ich mit meinem rechten Knie zu kämpfen. Drei Wochen bin ich nicht Rad gefahren. Keine schöne Zeit. Dann war da noch der Candy B. Graveller, für den ich mich schon lange zuvor angemeldet hatte. Diese Veranstaltung klang so nett, da wollte ich einfach dabei sein. Von Frankfurt am Main soll es auf vorwiegend unbefestigten Wegen nach Berlin gehen. Die Route orientiert sich an der Flugstrecke der Rosinenbomber. Jeder Teilnehmer muss zudem ein Care-Paket transportieren – kleine Geschenke an das Kinderhilfswerk Arche.
Gedanklich hatte ich mich schon fast von der Idee verabschiedet, diese tolle Tour mitfahren zu können. Zwei Tage vorm Start wurde das Knie aber plötzlich besser. Vorsichtig mit dem Stevens-Testrad von der Arbeit nach Hause gefahren – ging. Das MRT am darauffolgenden Morgen, Termin 6:45, behauptete, meinem Knie würde es bestens gehen. Ach echt? Na dann…

Total übermüdet fahre ich mit meinem Chef, dem Mathias, der auch teilnehmen wird, nach Frankfurt. Schließlich musste ich das Rad noch herrichten und alles packen. Dann der frühmorgendliche MRT-Termin. Eine halbe Stunde Schlaf habe ich nur gehabt. Im Auto schlafen? Sowas kann ich leider nicht.

Am Frankfurter Flughafen geben wir den Mietwagen ab. Von dort aus mit dem Rad wieder weg zu kommen stellt sich jedoch als nicht ganz so einfach heraus. Wir irren im Kreis, sodass Mathias und ich uns beim Versuch, aus dem Labyrinth zu entkommen, noch mehrfach treffen. Und das, obwohl wir in die entgegengesetzte Richtung wollen: er ins Hotel Richtung Süden, ich in die Stadt zu einem Teamkollegen von einem Freund. Das hatte ich spontan während der Autofahrt organisiert, so etwas wie Hotelzimmer gab es nicht mehr in bezahlbar.
Somit kämpfe ich mich auf Straßen, die wie Autobahnen aussehen, raus aus dem Flughafengelände – immer in der Hoffnung nicht auf der parallel verlaufenden Autobahn zu landen. Meine Naviroute sieht total blödsinnig aus. Der kann ich unmöglich folgen. Zum Glück entdecke ich einen Rad-Wegweiser: Frankfurt-Zentrum. Klingt gut. Ist auch gut. Auf den schönen Waldwegen kann ich mich bereits für den Candy einstimmen. Plötzlich sehe ich, wie mir drei voll bepackte Räder entgegen kommen. Klar, es sind andere Teilnehmer. Ich werde sogleich erkannt, andersrum ist das leider nicht der Fall. Sie erzählen mir, dass sie am Terminal 4, einer kleinen Gaststätte und gleichzeitig dem Startpunkt des Candys, übernachten wollen – mit so einigen anderen. Das klingt verlockend. Zu verlockend. Direkt am Startpunkt aufzuwachen, abends bereits die nette Candy-Gesellschaft um sich herum zu haben und sich morgens nicht quer durch die Stadt quälen zu müssen – mit einem schlechtem Gewissen sage ich meiner Übernachtungsmöglichkeit ab und schließe mich den drei Candy-Fahrern an.
Am Terminal 4 sind bereits zuhauf Fahrräder und Menschen in Radklamotten. Ich verschlinge Essen und nach einigen Stunden legen wir uns schlafen: drinnen, auf der überdachten Terrasse und auf dem Hof. Ich entscheide mich, die erste Nacht im Warmen und Trockenen zu verbringen. Am Morgen werden wir durch die nette Terminal 4-Dame geweckt. Sie bereitet unser Frühstück vor. Einfach toll. Herzlichen Dank für die Übernachtungsmöglichkeit und das leckere Essen!
Verschlafen krieche ich langsam aus meinem Schlafsack. Immer mehr Leute kommen an. Immer mehr schicke Räder. Und neben Gunnar, dem Organisator, bald auch wieder zwei bekannte Gesichter: Mathias und Andreas. Anmeldeprozess, GPS-Tracker abholen – so viel Gewusel. Ich freue mich, das meiste bereits am Vorabend erledigt zu haben und mich aufs Essen konzentrieren zu können. Bloß nicht hungrig starten.

Los geht’s! Eine Gruppe von 70 Radfahrern mit lustig beladenden Rädern setzt sich in Bewegung. Und ich bin mitten drin. Zügig fahren wir über die noch flachen Sandwege. Ich halte mich mit dem Tempo zurück – bloß nicht das Knie überfordern. Viele von denen, die mich nun überholen, werde ich bestimmt in ein paar Stunden wieder sehen.

Irgendwann auf einer Brücke erleben wir die erste „Trail-Magic“ der Tour, eine Familie mit kleinen Kindern verteilt Bananen und Haribos. Super lieb!

Die ersten kleinen Hindernisse…

Ab Kilometer 80 wird es anspruchsvoll – zu anspruchsvoll. Ein hübscher Weinberg – optisch ist der ganz nett. Zum Radfahren auch? Nein! Wir schieben. Alternative Muskelgruppen trainieren. Ich weiß von niemandem, der diesen Berg gefahren ist.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Immer wieder treffe ich andere Candy-Fahrer. Oftmals die Selben. Allerdings sind die meisten schneller als ich unterwegs, vertrödeln dann aber ihre Zeit bei den Pausen. Nur mit einem scheint das Tempo und der Fahrrhythmus perfekt zu passen: mit Laurence aus England. Ganz nebenbei: tolle Englisch-Übung. Irgendwann ist mein Kopf jedoch so sehr matschig, dass ich mit der armen Tankstellenfrau englisch und mit Laurence deutsch spreche. Tja… 😀

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Laurence und ich
Gemütliche Sitzgelegenheit gegenüber vom Bäcker
Noch sind die Wege verhältnismäßig trocken

Langsam werden die Wege immer abenteuerlicher. Diesen Pfad hätte ich nicht einmal mit einem unbeladenen Mountainbike fahren können:

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Durch etwa zehn (wir haben gezählt, wie viele waren es noch einmal genau?) umgestürzte Bäume in Folge können wir nun endlich auch unsere Armmuskulatur trainieren.

Crosseinlage – Räder tragen

Als es dunkel wird, bestaunen wir ein imposantes Gewitter. Zahlreiche Blitze, die einen Wow-Effekt hervorrufen. Irre schick – so lange man nicht drin steckt. Wir sind glücklicherweise im Trockenen unterwegs. Unser Plan ist es, bis null Uhr zu fahren und uns dann einen Schlafplatz zu suchen. So machen wir wahrscheinlich ein paar Plätze gut (ja, es ist kein Rennen, aber auf der Tracking-Seite stehen Platzierungen) und werden nachts nicht von anderen vorbeifahrenden Teilnehmern geweckt. Gegen halb zwölf fahren wir nach Fulda rein. Na toll, ungünstiges Timing. Da finden wir bestimmt keine Schutzhütte. Um Punkt null Uhr aber, an einem abgelegenen Radweg kurz hinter der Stadt sieht mein inzwischen recht geübtes Schlafplatz-Auge einen Unterstand, der nach hinten zur Wiese offen ist. Dieser wirkt geradezu luxuriös. Nehmen wir! Während ich mein Schlaflager vorbereite, kocht sich Laurence noch eine Tasse Instant-Nudeln mit Thunfisch. Ich frage mich, wo er das denn noch alles am Rad untergebracht bekommen hat. Zum Glück gibt er mir ein bisschen davon ab. Hat traumhaft geschmeckt. Besser als fast alles andere, was ich jemals gegessen habe. Bei derartigen Touren verschieben sich einfach die Relationen. Wie sehr man sich über Kleinigkeiten freuen kann – das ist immer wieder toll.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Bis auf einen ab und an vorbeifahrenden Güterzug ist die Nacht sehr ruhig. Um fünf Uhr morgens klingelt mein Wecker. Och nö. Warum zur Hölle hab ich den so früh eingestellt. Es ist doch kein Rennen. Aber hm, irgendwie doch. Laurence ist ähnlich motiviert aufzustehen wie ich. Nach einer gefühlten Ewigkeit krieche ich aus dem Schlafsack. Erst um Punkt sechs Uhr sind wir abfahrbereit. Ich schaue auf den Tracker und kann meinen Augen kaum glauben. Mathias ist nur vier Kilometer vor mir. Verdammt! Wenn ich das gewusst hätte, dann wäre das Aufstehen schneller gegangen. Wir treten in die Pedale. Schöner Sonnenaufgang? Pustekuchen. Alles ist grau und dunkel. Erwischen tun wir die Gruppe um Mathias nicht mehr. Später sehe ich, dass wir uns nur um etwa 500 Meter verpasst haben. Ärgerlich!

Tag zwei: Dauerregen, Lochplatten, Matsch, aufgeweichte Wiesen, irre steile Hügel. Zusammengefasst bedeutet das, wir kommen kaum voran. Meine für eine derartige Veranstaltung heldenhafte 34-32 Übersetzung reicht bei Weitem nicht aus. Ich ärgere mich. Der ewig lange Hügel wäre mit einem 36er Ritzel problemlos fahrbar gewesen. Nächstes Jahr montiere ich mit dem Roadlink eine 40er Kassette. Oder ich organisiere mir ein Testrad mit kleineren Gängen. Hilft alles nichts, wir schieben ewig lange. Und werden eingeholt. Auch ärgerlich. Das mag ich nicht. Die Wiesen sind so aufgematscht, dass selbst für das Fahren in der Ebene die kleinsten Gänge benötigt werden. Ich fluche. Ich will mein Rennrad und Asphalt. Ich habe keine Lust mehr auf diesen Mist. Warum tun wir uns das eigentlich an? Irgendwann geht das wegartige Etwas dann aber wieder bergab und meine Laune bergauf. Mit gigantischen 10 km/h rollen wir durch den Matsch über die Wiese. Macht doch Spaß! Alles ist wieder gut.

Wegen des andauernden Schüttregens verzichten wir auf größere Pausen, bloß nicht kalt werden. Nur ein Supermarktbesuch muss sein.

Wir überqueren einen reißenden Fluss 😉

Das Schlimmste erwartete uns aber gegen Abend. Aufgeweichter Lehmboden. Lehm ist klebrig, extrem klebrig. Und er haftet gut an Reifen. So gut, dass die Lehmschicht immer dicker wird und irgendwann den Rahmen so sehr verklebt, dass die Laufräder blockieren. Freikratzen und weiter schieben. Und wieder Freikratzen. Schieben. Vorsichtig rollen. Armes Fahrrad. Sorry Stevens.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Es wird dunkel. Und wir kämpfen uns noch immer über lehmige Wege. Plötzlich höre ich ein unschönes Geräusch am Hinterrad. Ich drehe mich um und sehe meine schlimmste Befürchtung bestätigt: das Schaltwerk befindet sich nicht mehr am vorgesehenem Ort. Das Schaltauge ist gebrochen. Auf einem Hügel. Im Nirgendwo. Im Dunkeln. Bei Regen. Und Wind. Es ist kalt. Ich fluche und suche mein Werkzeug raus. Hier aufzugeben geht sowieso nicht. Das Rad zum Singlespeed umzubauen, kann doch eigentlich nicht weiter schwierig sein. Und Harald ist letztes Jahr freiwillig Singlespeed gefahren. Warum sollte ich das nicht auch können? Kette durchgetrennt, Schaltwerk befreit, Kette gekürzt, Kettenschloss…verdammt, ich hab nur ein 10-fach Kettenschloss mit. Wird schon gehen. Laurence gibt mir trotzdem eines seiner 11-fach Schlösser. Ich bin ihm dankbar, dass er mich hier nicht alleine stehen lässt. Wir fahren zitternd wieder los. Die Kette läuft nicht gut. Plötzlich löst sich das Kettenschloss. Es war auf der Hinterseite nicht richtig eingehängt. Sieht man im Schein der provisorischen Stirnlampe schlecht. Jetzt stelle ich fest, dass Laurence nicht nur Kochsachen mit hat, sondern auch noch ein wandelnder Werkzeugkasten ist. Sogar eine Zange zum Öffnen von Kettenschlössern hat er dabei. So einen Luxus habe ich nicht einmal zuhause. Beim zweiten Versuch hält die Kette. Nur leider läuft sie sehr laut. Und springt ein wenig. Und blockiert etwa alle zehn Pedalumdrehungen, sodass ich etwas rückwärts treten muss und keine Kraft aufs Pedal geben darf.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Auf einmal geht gar nichts mehr. Der gesamte Antrieb ist blockiert. Die Kurbel lässt sich weder nach vorne noch nach hinten bewegen. Ich falle halb vom Rad weil ich die Pedale nicht belasten will. Die Kette hat irgendweshalb versucht, sich aufs nächst höhere Ritzel zu bewegen. Geht aber nicht. Dafür ist sie zu kurz. Und nun ist Spannung drauf. So viel, dass wir das Hinterrad nicht gelöst bekommen. Erneut die Kette durchtrennen? Uns ist kalt. Wir beschließen, zu Fuß zum nächsten Ort zu laufen. Dieser hat sogar einen Sportplatz. Meist findet man dort eine überdachte Terrasse.

Als wir endlich angekommen sind, stellen wir fest, dass dort tatsächlich ein schöner Schlafplatz gewesen wäre. Wenn nicht grade eine Vereinsfeier stattgefunden hätte. Wir erkundigen uns nach einer überdachten Schlafmöglichkeit. Sie wirken alle recht ratlos. Als ich nach einem Spielplatz frage, schlägt einer den Pavillon des Kindergartens vor. Wir finden ihn sogar. Schlaflager einrichten, raus aus der nassen Kleidung und schlafen. Und morgen mit klarem Kopf über die Situation nachdenken.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Der hübsche Pavillon ist ein guter Schutz vor dem Regen
Das Fahrrad als Wäscheständer

Die Motivation aufzustehen ist gering. Ein kaputtes Fahrrad, das darauf wartet, repariert zu werden und nasse Kleidung, die angezogen werden muss. Tolle Aussicht. Erst spät können wir uns überwinden. Die Kette springt beim Durchtrennen mit Schwung ab. Ein weiteres Kettenschloss wird verbaut. Die nasse Kleidung ist wie erwartet schrecklich. Egal, es gibt Schlimmeres, zum Beispiel gebrochene Schaltaugen…

Wir fahren ein paar hundert Meter. Die Kette läuft genau so schlecht wie am Tag zuvor. Ich muss mir eingestehen, dass ich die Strecke so nicht bewältigen kann. Der Ort hat sogar eine Bahnstation, meint mein Navi. Internetempfang habe ich hier nicht. Erst als ich vom Track Richtung Bahnhof abweiche, werde ich traurig und frustriert. Mein Knie hat gut mitgemacht und nun muss ich wegen eines doofen technischen Defekts aufgeben. So unglaublich gerne wäre ich angekommen. Nun also Gangloffsömmern statt Berlin. Laurence will mich noch zum Bahnhof begleiten. Wir versuchen dort seinen festsitzenden Schaltzug zu befreien. Das gelingt so halbwegs und ich wünsche ihm eine gute Fahrt. Auf dass immerhin er noch ankommt. Die Station wirkt sehr verlassen. Ich bin alleine hier. Man soll winken, wenn der Zug kommt. Das tue ich. Obwohl ich als verdreckte Radfahrerin bestimmt auffallend genug bin. Tatsächlich hält die erstaunlich modern aussehende Bimmelbahn an. Rein in den Zug, Ende des Abenteuers.

Das verdreckte Stevens in der Bahn

Tag 1, 192 km

Tag 2, 161 km

Tag 3, 3 km