Die selbst gebastelte Route von Lübeck nach Friedrichshafen lag schon länger bereit. Nur bot sich immer kein passender Zeitpunkt für diese Tour an. Nun aber habe ich es endlich geschafft. Das lange Herbstwochenende nutzte ich für meinen ersten Tausender.

Die Strecke bis zum Bodensee wollte ich möglichst schnell zurücklegen. Alleine, kein Support, keine vorgeplanten (Hotel-)Übernachtungen, alles Benötigte am Rad. Ich hatte also vor, im Modus der unsupporteten Bikepackingrennen zu fahren. Das Ziel der Tour war es, die eigenen Grenzen zu erforschen. Wie fit bin ich bereits? Wie viele Kilometer kann ich an einem Tag schaffen, wenn ich mir Mühe gebe, dass es viele werden? Wie übersteht mein Körper mehrtägige Strapazen?

Leider hatte ich mir zuvor einen steifen Nacken geholt und fragte mich, ob es überhaupt sinnvoll sei, zu starten. Doch entschied ich mich, es einfach auszuprobieren. Am Freitag, dem 29.9. um 16:15 Uhr, ging die Tour dann also los.

IMG_20170929_155806212
Das Foto direkt vor dem Start: 15 kg wog das Rad ohne Essen und Trinken.

Der erste Tag

Die ersten 70 km hatte ich Begleitung von Andreas. Ich verzichtete aber aufs Windschattenfahren. Hinter der Elbe bog er wieder ab, um nach Hamburg weiter zu fahren. Ich kämpfte mich währenddessen gegen den Wind weiter Richtung Süden. Auf der Suche nach etwas Wasser crashte ich noch eine ganz nette Party. So reizvoll es war: Die Lauchsuppe und das Bier habe ich leider ablehnen müssen. Mit gefüllten Trinkflaschen fuhr ich weiter. Während Andreas mir schrieb, er sei nach Hause geflogen, beschimpfte ich den Wind und meinen Nacken. Bei Kilometer 190 dachte ich sogar ans Aufgeben, da der Schmerz immer stechender wurde. Doch nachts irgendwo in der Pampa auszusteigen, funktioniert nicht besonders gut – also irgendwie weiter. Erstaunlicherweise wurde der Nacken besser und ich fuhr weiter und weiter durch die so schöne, ruhige Nacht. Als ich kurz hinter Lelm war, ging die Sonne auf. Ich liebe Sonnenaufgänge auf dem Rad.

IMG_20170930_063208885
Ein schöner Sonnenaufgang kurz hinter Lelm

Doch bei dem schönen, trockenen Wetter sollte es nicht bleiben. Bald darauf fuhr ich durch Regen und Sonne gleichzeitig.

IMG_20170930_081129642
Dieser schöne Regenbogen machte sogar einen vollständigen Bogen.

Der Regen wurde mehr und bei Kilometer 300 war bereits alles patschnass.

IMG_20170930_092621440
300 km sind geschafft. Das Wetter war nicht ideal.

Im Harz erwarteten mich viele nervige, überfüllte Straßen. Hier hat mir das Fahren nicht besonders viel Spaß gemacht.

hfghgh
Dank des Wetters habe ich im Harz keinen anderen Rennradfahrer gesehen.
IMG_20170930_131834810_HDR
Die zweithöchste Erhebung der Tour war geschafft.

Hinter dem Harz wurde die Strecke wieder schön. Ich fuhr viele nette kleine Straßen.

IMG_20170930_161909234

IMG_20170930_170321847_HDR
Auf diesen Turm bin ich sogar rauf geklettert.

Später spürte mich Johannes noch auf und wir fuhren einige Kilometer zusammen. Ich hatte mich über Spotwalla tracken lassen, sodass ich, so lange die zugehörige App lief, relativ einfach aufzufinden war.

Da ich die erste Nacht durchgefahren war, wurde ich nun aber langsam müde. Ein Schlafplatz musste her – einer mit Dach. Ich hatte kein Zelt mit, nur einen Biwaksack. Während ich ein paar ziemlich steile Serpentinen hoch fuhr, entdeckte ich plötzlich ein Parkplatzschild. Neugierig folgte ich dem Wegweiser. Und tatsächlich: Ich fand eine überdachte Sitzbank mit Tisch. Unter dieser machte ich es mir nun gemütlich. Bald darauf begann der Schüttregen. So ganz schütze mich das Dach und der Tisch nicht vor den Wassertropfen, jedoch schlief ich gar nicht mal so schlecht. Das könnte aber auch an der allgemeinen Erschöpfung gelegen haben. Der erste Wecker sollte bereits vier Stunden später klingeln. Doch die Vorstellung stundenlang durch stockdunklen Schüttregen fahren zu müssen, raubte mir die Motivation aufzustehen. Somit wurde der Wecker immer weiter nach hinten verschoben.

Der zweite Tag

Um 20 Uhr hatte ich mich schlafen gelegt, um 3:15 Uhr ging es dann weiter. Ab in den Regen, eine Steigung steiler als die Andere. Der kleinste Gang war gefühlt in dauerhafter Benutzung. Dennoch fühlte ich mich noch erstaunlich fit. Die Beine wirkten nicht müde.

Gegen Sonnenaufgang wurde der Regen endlich weniger.

IMG_20171001_075055395
Eine schöne morgendliche, neblige Stimmung. Mit dem Sonnenaufgang wurde es aber plötzlich sehr kalt.
IMG_20171001_095729682
Das Wetter wurde deutlich besser.

IMG_20171001_134503661

In der Rhön traf ich auf eine gigantische Masse an Wanderern, die sämtliche Parkplätze belegten. Das gute Wetter schien sie rausgelockt zu haben. Wie man aber in derartigen Massen entspannt durch die Natur wandern kann, war mir ein Rätsel.

IMG_20171001_151200182
Die Hochrhönstraße

Etwas später fielen mir plötzlich so komische Wahlplakate auf. CSU? Ich dachte, die gibt es nur in Bayern? Ups, ich bin echt schon in Bayern? Ja, noch vor dem sechshundertsten Kilometer hatte ich dieses Bundesland erreicht, was sich immer so extrem weit weg anhört. Es ist gar nicht weit weg, kann ich nun berichten 😉

IMG_20171001_170526962
Ein CSU-Wahlplakat in einem bayrischen Dorf
IMG_20171001_172727841
Ich genieße die Sonnenstrahlen.

Gegen Einbruch der Dunkelheit wurde ich plötzlich wieder sehr müde. Gerne wäre ich noch ein wenig weiter in die Nacht hinein gefahren, doch die Müdigkeit war zu groß. Am Sonntag um 22 Uhr fand ich einen verlassen Jugendcampingplatz, der wohl der Gemeinde gehört. Er hat eine schöne große Grillhütte, wo ich mein Nachtlager aufschlug.

IMG_20171002_040334647
Mein Nachtlager in der Grillhütte

Etwa eine Stunde nachdem ich eingeschlafen war, wachte ich bibbernd auf und zog mir fast alles an Kleidung an, die ich mit hatte. Die Nacht schien sehr kalt geworden zu sein. Und ich war irgendwie etwas demotiviert. Gerne wäre ich bereits Montagabend in Friedrichshafen angekommen. Doch da noch ziemlich genau 400 km zu fahren waren, schien dies nicht mehr möglich zu sein. Wozu also früh aufstehen und in die Kälte gehen?

Der dritte Tag

Der Wecker wurde ignoriert. Als ich dann endlich aufgestanden war, versuchte ich eine ganze Weile, den riesigen Knoten, der sich meine Haare nannte, zu entknoten. Hoffnungsloser Fall, ich zerstörte nur die Bürste.

Erst gegen 5:30 Uhr fuhr ich weiter. Es war unglaublich kalt. Meine Wetter-App behauptete noch vor Sonnenaufgang etwas von fünf Grad Celsius. Ich zog mir fast alles an, was ich mit hatte. Merinobaselayer, Merinoarmlinge, Trikot, Windweste, Windjacke, Daunenweste, Regenjacke, kurze Radhose, Knielinge, warme lange Radhose – wirklich warm wurde mir dennoch nicht. Dazu kam noch ein starker eisiger Wind – natürlich von vorne. Dann verlor ich auch noch irgendwo meine Radbrille.

Doch immerhin bekam ich einen traumhaften Sonnenaufgang zu sehen, der meine eher negative Stimmung deutlich aufbesserte.

IMG_20171002_071037466_HDRIMG_20171002_073620107_HDRIMG_20171002_073935111IMG_20171002_081000887_HDR

Die Strecke war noch immer sehr fordernd.

IMG_20171002_134030819
Hinter der Kurve wird der Hügel plötzlich noch deutlich steiler. Ich musste schieben.

Ich kämpfte mich Hügel um Hügel hoch, belohnt wurde ich mit Abfahrten, die aber dank des Windes fast nie schneller als 30 km/h wurden – frustrierend. Später erwischte mich wieder der Regen. Dann versuchte ich noch eine Straße zu umfahren, die dank einer Umleitung zu einer extrem gefährlichen Schnellstraße geworden war. Dies gelang eher mäßig erfolgreich. Allerdings sah ich nachher noch, wie dort zwei Unfallfahrzeuge von einem Abschleppwagen weggebracht wurden. Überrascht hatte mich das bei dieser Straße und den bekloppten Autofahrern so gar nicht.

Ich kam einfach nicht voran und meine Motivation war auf dem Tiefpunkt. Dauernd hielt ich an. Als die Dunkelheit einsetzte, ging es mir plötzlich erstaunlicherweise besser. Der Regen wurde immer stärker und ich fing an, Refrains irgendwelcher Lieder vor mich hin zu trällern. Doch da ich die Texte nicht konnte, dichtete ich sie irgendwann um. Je später es wurde, desto mehr verließ mich meine Kreativität, sodass ich tatsächlich meinen MP3-Player herausholte. Mit diesem hörte ich nun die „One Hit Wonders“ von Radio Sieben. Dies klingt erstmal nicht nach einer Sendung, die ich mir freiwillig anhören würde. Doch nachts bei Schüttregen kann ich mich scheinbar absolut für diese Songs begeisterten. Ich freute mich über jeden schlechten Song und feierte die wirklich guten. Wie gut, dass ich alleine auf den Straßen war! So ließ ich einen Hügel nach dem anderen hinter mir. Leider war das Programm um null Uhr zu Ende.

Nun wurde ich langsam doch noch müde. Gegen 1:15 Uhr fand ich an einem Ortsausgang eine neu gebaute Turnhalle mit überdachtem Hintereingang. Dieser bot einen tollen Schutz vor dem Regen.

Der vierte Tag

Doch irgendwie schlief ich dort nicht besonders gut. Um 5:15 war ich bereits wieder abfahrbereit. Nur noch 200 km zum Ziel! Rein in die eklig nassen Socken und Schuhe, weiter durch den Regen, der bereits die ganze Nacht andauerte.

Doch bei einem einfachen Regen sollte es nicht bleiben. Mich erwischte eine absolute Sintflut. Die Straßen wurden zu Bächen, eingeschränkte Sicht, schlimmer als so manche Duschbrausen. Als der Regen etwas nachgelassen hatte, entdeckte ich eine Bäckerei, die ich sofort ansteuerte. Hier wurde ich etwas entgeistert angesehen. Ein netter Herr aus einer Gruppe von schwäbisch sprechenden Personen lud mich zu einem schwarzen Tee ein. Die Verständigung war etwas kompliziert, da ich nur etwa jedes dritte Wort verstand. Gestärkt ging es nun weiter durch den Regen.

IMG_20171003_085332648_HDR
Etwas später überquerte ich die Donau.
IMG_20171003_092722278_TOP
Ich freue mich etwas durchnässt über die 900 geschafften Kilometer.

Doch erstaunlicherweise verbesserte sich das Wetter langsam. Erst erwischten mich noch ein paar kleine Schauer, dann hatte ich strahlenden Sonnenschein.

IMG_20171003_133326360_HDR

IMG_20171003_155300963
Allgäu: der wohl schönste Streckenabschnitt

Dieser tolle Streckenabschnitt im Allgäu bescherte mir ein absolutes Hoch. Glücklich rauschte ich die Hügel herauf und herunter. Etwa 60 km vor dem Ziel traf ich Stefan. Er war mir entgegen gefahren. Zusammen genossen wir das tolle Wetter und die schöne Landschaft.

IMG_20171003_161406004
Noch mehr Allgäu – und Stefan!
IMG_20171003_181240405_HDR
Mein erster Blick auf den Bodensee

Kurz vor 19 Uhr erreiche ich endlich das Ziel. Die letzten Kilometer wollte ich dann doch einfach nur noch ankommen. Als Belohnung gab es noch einen tollen Sonnenuntergang. Alles war in rotes Licht getaucht.

IMG_20171003_185442892
Nach knapp über 4 Tagen habe ich das Ziel, den Hafenturm von Friedrichshafen, erreicht. Mehr als 1050 km legte ich zurück, mehr als 11.400 Höhenmeter hatte ich erklommen.
IMG_20171003_185710939_HDR
Mein Navi und der Sonnenuntergang

Endlich angekommen, genoss ich bei Stefan eine große Portion Spaghetti. Auch die warme Dusche war ein Traum. Danke nochmal für die tolle Gastfreundschaft.

Mein Fazit

Zwar hatte ich mir erhofft, Friedrichshafen etwas früher zu erreichen, dennoch bin ich absolut zufrieden mit meiner Leistung. Die 1052 km hatte ich erfolgreich geschafft, dabei gigantische 11.400 Höhenmeter erklommen – das alles in knapp über 4 Tagen. Dauerhafter Gegenwind, das eher schwere Gepäck, das viele schlechte Wetter sowie die vorsichtigen Abfahrten in der Dunkelheit und bei der Nässe haben viel Zeit gekostet. Positiv überrascht war ich davon, wie wenig mir weh tat. Der Nacken hatte sich sogar verbessert und störte später gar nicht mehr. Auch die Oberschenkel schienen den Spaß vollkommen mitzumachen. Grade bei den vielen Höhenmetern, die ich ja als Lübeckerin gar nicht gewohnt bin, hätte ich Gegenteiliges erwartet. Nur mein rechtes Knie hat am letzten Tag herumgezickt. Und meine großen Zehen tun an der Unterseite etwas weh. Aber das scheint wirklich nichts Tragisches zu sein.

Bis auf den Harz und einem Lochplattenabschnitt, den man aber problemlos umfahren konnte, war die geplante Route wirklich gut.

Die Route: Strava-Link

Was ich bei dieser Tour für mich gelernt habe

Ich muss schneller im Sachen Aus- und Einpacken werden. Meine Oberschenkel machen mehrtägige Strapazen durchaus gut mit. Bayern ist nicht weit weg. Mein Handy stürzt sehr gerne mal ab. Wind gibt es nicht nur im Norden. Nach einem Tief kann sehr schnell auch wieder ein Hoch folgen. Schlechte Musik ist nicht immer schlecht. Bestimmt gibt es da auch noch mehr, aber mir fällt grade nichts mehr ein.

Was bedeutet das für die Zukunft? Vielleicht noch verrücktere Touren – vielleicht.