Thomas, mein Lieblinswintertourenmitfahrer, brachte mich auf die Idee. Da er sowieso in Kopenhagen war, wollte er gerne die Rapha Prestige København mitfahren. Dies ist eine 200km Strecke mit „ein wenig“ Gravel. Gestartet wird allerdings in Vierer-Teams, davon mindestens eine Frau. Somit brauchte er Mitstreiter. Da ich schon immer mal nach Kopenhagen wollte, brauchte es nicht viel Überredungskunst. Wir bekamen vier Personen zusammen und meldeten uns an, Team „Cycling for Wienerbrød“.

Über airbnb hatten wir am Stadtrand eine kleine, nette Hütte gemietet. Am Nachmittag kamen wir in Kopenhagen an und konnten sofort das Radverkehrsnetz bestaunen. Der Weg vom Zentrum zur Unterkunft, ca. 15km durch die Stadt, war einfach ein Traum. Breite Wege, guter Belag, Autofahrer, die an Radfahrer auf Radwegen gewöhnt sind – da konnte man auch mit dem Rennrad absolut problemlos und sicher zügig quer durch die Stadt fahren. Wirklich irre. Nicht wie in Hamburg, wo man das Gefühl hat, sich dauernd in Lebensgefahr zu begeben, weil einem innerhalb von ein paar Kilometern zum dritten Mal die Vorfahrt genommen wurde, man grade fast vom Fahrrad geflogen ist, weil man wieder ein paar Wurzeln übersehen hat, weil man beim auf der Straße fahren wegen nicht vorhandenen Radwegen und idiotischen Autofahrern mal wieder mit 20 cm Abstand überholt wird oder weil Menschen plötzlich auf die Idee kommen, vor einem auf den sogenannten Radweg zu springen.

Samstagfrüh sollte die Tour starten. Schon in der Nacht wachte ich von dem lauten Prasseln des Regens auf. Na super! Am frühen Morgen hatte sich die Wetterlage nicht verändert – Schüttregen. Ich entschied mich gegen die Aerodynamik und zog mir die weite Segler-Regenhose an. Nach einem kleinen Frühstück fuhren wir dann etwa 17 km zum Startpunkt.  Dank der guten Infrastruktur war dies kein Problem. Da die Teams nacheinander losgeschickt wurden und wir relativ weit am Ende einsortiert waren, warteten wir schließlich insgesamt über 50 min in der Kälte, bei etwa vier Grad Celsius und schon ziemlich durchnässt. Fast alle waren am Zittern. Irgendwann durften wir dann endlich starten. Die Tour sollte Gravel enthalten. Dies tat sie direkt am Anfang. Wir fuhren durch schön aufgematschte Parkwege. Irgendwie mochte das mein Umwerfer nicht und fing gleich an zu streiken. Also bergauf mit dem großen Kettenblatt. Wäääh! Oben am Hügel war dann gleich eine Gruppe am Schlauch wechseln. Die Armen, dann doch lieber ein nicht funktionierender Umwerfer.  Irgendwann war mir dann wieder warm, wir kamen gut voran und an den Schüttregen hatte ich mich gewöhnt. So kann die Fahrt weitergehen, dachte ich. Mike Halls Worte zu Juliana Buhring,  „Just don’t ever stop“, kreisten in meinem Kopf – bloß nicht anhalten.

Dann plötzlich der Ruf – Platten. Oh nein. Somit stellten wir uns nach einer Stunde Fahrzeit unter eine Scheune und wechselten den ersten Schlauch.

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Noch ist die Stimmung super – noch.

Allerdings blieb es bei ihm nicht bei dem einen Platten. Immer grade warm gefahren, gab es einen neuen Stop, wo wir vor uns hin zitterten. In einem Fahrradladen erzählte uns der Mechaniker, dass die Continental 4 season bei viel Regen weich werden und  sich somit gerne scharfkantige Steine durchdrücken. Super, 4 season , aber können kein Wasser ab. Vielleicht sollte Conti über einen treffenderen Namen nachdenken. Die Platten-Odyssee führte schließlich dazu, dass wir bei Kilometer 75, ein paar Meter vor dem ersten Checkpoint, einen neuen Hinterradmantel für Rick und ein paar Schläuche kauften. Erstaunlicherweise kamen wir nicht als letztes Team am Kontrollpunkt an, da auch Andere technische Schwierigkeiten hatten oder sich in einem Café aufwärmen mussten. Zwei Teams hatten wohl sogar ganz aufgegeben. Somit waren bei der anschließenden kleinen Fährüberfahrt drei Teams an Bord. Die warmen Heizungen waren hier äußerst beliebt.

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Ein Teamfoto ohne Rick auf der Fähre

Übrigens hatte der Regen nun endlich aufgehört und der Trocknungsprozess konnte auch nach der Fährfahrt weiter gehen. Da wir es aufgrund eines krankheitsbedingt leicht geschwächten Mitfahrers wahrscheinlich sowieso nicht geschafft hätten, uns an die anderen beiden Teams ranzuhängen, machten wir erst einmal eine Kaffeepause, bevor wir weiter fuhren. Nun hatten wir tatsächlich Sonne. Bis zum zweiten Checkpoint bei km 129 hatten wir auch nur einen Platten, dieses Mal nicht bei Rick sondern bei mir. Nachdem wir uns dort mit Croissants gestärkt hatten, radelten wir weiter – hinein in die nächste dunkle Regenwolke.-1TY7WYc2QHfSxTOb4J51Pbgyx1vJzPF1pE3NZrZhEs-2048x2048

Aber an Regen waren wir ja inzwischen gewöhnt und dieser hörte tatsächlich auch irgendwann wieder auf. Es kamen dann nur noch Schauer. Zwischen Checkpoint zwei und drei fehlte plötzlich bei Thomas die Luft im Schlauch. Nun hatte es nur Andreas noch nicht erwischt. Nach Checkpoint drei trennten wir uns von zwei Mitfahrern, die in den Zug stiegen. Andreas und ich wollten aber finishen und fuhren in den Sonnenuntergang. Wir hatten das Tempo nun angehoben. Dies hielt allerdings nicht lange, da die schönsten Gravelwege für den Schluss aufgehoben worden waren.  Also pflügten wir uns durch den Matsch und durch tiefe Pfützen. Ich als Gravelangsthase natürlich besonders langsam.

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Als Entschädigung für unsere Langsamkeit erwartete uns ein traumhaft schöner Sonnenuntergang. Alles war in rotes Licht getaucht 🙂

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Irgendwann hatten wir es dann tatsächlich zum Rapha Clubhouse geschafft – als letztes Team. Wir wurden mit Beifall begrüßt, bekamen einen lanterne rouge Aufnäher, machten ein nicht besonders geniales Finisherfoto und fielen über das verbliebene Essen her.l_dog3yuW048h185qLre4sTjW_e-wEs3zWpA4L8r4mQ-1536x2048

Nach einem Bier fuhren wir zurück Richtung Unterkunft. Noch einmal 15 km. Die Motivation war sehr gering. Diese verbesserte sich natürlich nicht, als ich dann noch einen Platten hatte. Drei Kilometer vor dem Ziel erneut, nun hatten wir keine Schläuche mehr. Thomas holte mich netterweise mit dem Auto ab. Endlich warm duschen, essen, noch mehr essen, Track bei Strava hochladen und tief und fest schlafen. Das Frühstück am nächsten Morgen im Clubhouse haben wir natürlich verschlafen.

Somit ging dann ein sehr regen- und plattenreicher Tag zu Ende. Fast 250 km hatten wir durch das schöne Dänemark zurück gelegt. Diese Tour war definitiv ein Erlebnis. So viele Platten habe ich noch nie zuvor an einem einzigen Tag erlebt (9? 10?). Auch bin ich nie zuvor fünf Stunden durch kalten Dauerregen gefahren. Die Rapha Prestige wird mir definitiv in Erinnerung bleiben. Danke an Rapha für die tolle Organisation. Und Glückwunsch an alle Finisher.

Strava-Link

Vielleicht starte ich nächstes Jahr ja noch einmal. Wer würde mitfahren? 😉

Viele Grüße
Svenja